an die Mitglieder der Hoftheater-Kommission, Franz Kirms (1750-1826) und Leopold Kruse
Weimar, 5. Januar 1812
Schriftstück mit eigenhändiger Unterschrift
Aus Anlaß der bevorstehenden Ankunft eines ständigen französischen Gesandten in Weimar äußert Goethe sich über den zunehmend politischen Gehalt zeitgenössischer Bühnenstücke und die Theaterzensur:
Diejenigen Personen, welchen die Führung eines Hof-Theaters anvertraut worden, und besonders die, deren Obliegenheit es ist zu beurtheilen, ob ein Stück aufführbar sey, haben sich seit geraumer Zeit in einer sehr unangenehmen Lage befunden, indem die deutsche Bühne sich nicht nur von den strengeren Geschmacks-Regeln, sondern auch von manchen andern Verhältnissen und Betrachtungen losgesagt und sowohl im Kunst- als bürgerlichen Sinne die Gränzen weit überschritten hat. [...]
Neue Stücke wurde ich vor wie nach durchsehen u beurtheilen, und sollte sich etwas Verfängliches darinfinden, es sogleich wegstreichen, und das Exemplar, mit Bemerkung meines Namens auf dem Titelblatte, als Zeugniß daß ich das Stück gelesen, dem Beauftragten zusenden [...]
Ferner würde man, sobald die neue Einrichtung getroffen ist, die ältern Stücke, die sich auf dem Repertorium gehalten haben, nach und nach dem Beauftragten zuschicken, und mit denjenigen den Anfang machen, welche zunächst aufzuführen bestimmt sind. Denn was eben diese ältern Stücke betrifft, so ist man am ersten in Gefahr, Stellen zu übersehen, welche eine Deutung auf das Gegenwärtige zulassen.