„Russische Begegnungen mit Goethe“

Eröffnung der Ausstellung am 19. September 2007

Gestaltet vom Puschkin-Museum Moskau

Von
Volkmar Hansen

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde von Goethe und Puschkin!

Zu dem Älterwerden gehört auch die Zunahme des Bedürfnisses an persönlicher Rückschau, an Autobiographie. Als Mensch, der noch der Gutenberg-Galaxy angehört, und erst recht, wenn er sich zum Literaturwissenschaftler heranbildet, dann bedeutet dies den Rückgriff auf erstes Lesen von Büchern. Und so möchte ich, meine Damen und Herren, nicht den so sympathisch angelegten Überblick von Eugen Bogatyrev repetieren oder an einem Einzelpunkt vertiefen, sondern von den eigenen Erfahrungen mit Rußland sprechen.

Sie, die Lektüre-Begegnungen, sind letztlich das Fundament der Freude an der Übernahme dieser mit 120 herrlichen Stücken ausgestatteten Ausstellung des Puschkin-Museums Moskau, darauf ließ sich etwas aufbauen. Jenseits des Hasses während der Kriegszeit und den politischen Gefährdungen während des Kalten Kriegs hat sich im Westen Deutschlands ein positives Bild Rußlands und seiner Menschen fortsetzen können, gerade durch die Literatur. So läßt sich hoffen, daß dieser Rückblick auf die eigene Bildung repräsentativer ist, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Im elterlichen Bücherschrank ging der Griff zwar auch zu Dostojewskis Gewissenserschütterungen, doch von dauerhafterer Wirkung war der Realismus von Tolstois „Krieg und Frieden“ („Vojna i mir“). Die ungeschönten Schlachtdarstellungen, die kraftvolle Gestalt Kutusovs, der Napoleon niederzwingt, die Wechselspiele zwischen den Städten St. Petersburg und Moskau, das Leben auf den Landgütern, die Genauigkeit in der Seelenbeobachtung in dem Scheitern des Fürsten Andrej Balkonskij oder bei der Entwicklung Nataschas schufen die Freiheit, die Literatur geben kann, indem sie über den engen eigenen Gesichtskreis eines jungen Menschen hinausführt, den Blick weit macht für die Welt und die Menschheit. Von Puschkin waren es in dieser Zeit die Erzählungen, die faszinierten.

Das Studium brachte im Geschichtszweig die Konfrontation mit der russischen Entwicklung, z.B. den Dekabristen des Jahres 1825, und nicht bloß der Revolution von 1917, doch es war Thomas Mann und dessen Orientierung an der „heiligen russischen Literatur“, die neue Lektüren hervorrief. Turgenjews „Väter und Söhne“ („Otzy i dete“) oder Lermontovs überflüssig-zerrissener „Held unserer Zeit“ standen dadurch auf dem Programm, aber auch ungewöhnlichere Texte wie etwa „Mitjas Liebe“ des exilierten Nobelpreisträgers Iwan Bunin, ein Werk der „Werther“-Nachfolge. Noch näher an das 20. Jahrhundert heran führte ein Text wie der kosakische „Stille Don“ von Michail Scholochow oder Pasternak und Solchenyzin. Selbst in Übersetzungen, nicht allein der Originalsprache, kommt menschliche Nähe, Verständnis zwischen Nationen zustande.

Die Aufmerksamkeit, die durch solche innere Motivation entsteht, ließ für mich einen regelmäßigen wissenschaftlichen Kontakt entstehen, der die musealen Initiativen meines Amtsvorgängers Prof. Göres als ICOM-Vorsitzender fortsetzte. 1987, vor zwanzig Jahren, war ich  zuerst in Moskau, konnte die Stadt kennen- und liebenlernen. Zuletzt, im Februar 2007, konnte ich in Moskau Vorträge an der Lemonossow-Universität, der Städtischen und der Gesamtrussischen Offenen Pädagogischen Hochschule halten.

Lassen Sie mich mit einem einzigen Beispiel aus der Goethe-Zeit, das die Doppelheit der Ausbildung des Nationalgefühls und der gemeinsamen europäischen Tradition als europäisches Charakteristikum für das 19. Jahrhundert festhält, schließen. Der 1785 geborene russische Unterrichtsminister Uwarow hat mit der Notice sur Goethe zum ersten Jahrestag von Goethes Tod vor der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, der Goethe seit 1827 als Ehrenmitglied angehört, den bedeutendsten Nekrolog gesprochen, von dem eine russische und drei deutsche Übersetzungen noch im Jahr 1833 erschienen sind. Nachdem er von den wissenschaftlichen Verlusten des Jahres 1832, dem Cholera-Jahr, insgesamt ausgegangen ist, wendet er sich Goethe zu: “il n’est personne ici qui ne se soit trouvé sous l’influence et sous le charme de ces compositions brillantes et originales dans lesquelles le genie multiple et si l’on ose dire, prismatique de Goethe se jouait sans effort, et faisait refléter tour-à-tour et les emotions les plus intimes du coeur, et les plus capricieux élans de l’imagination et les apercus les plus délicats de la sagacité philosophique.” Uwarow feiert ein Genie der Vielseitigkeit, zukunftsweisend - für gestern, für heute, für morgen.

 Volkmar Hansen

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