| Petrarca in Deutschland Zum 700. Geburtstag Der spätmittelalterliche Dichter, mit Dante und Boccaccio in einem Atemzug zu nennen, ist eine Leitgestalt europäischer Kultur bis ins 19. Jahrhundert. In Deutschland wirkt er durch die Entwicklung eines humanistischen Naturgefühls (Aufstieg auf den Mont Ventoux bei Avignon am 26.4.1336), durch seine volkssprachlichen Gedichte der unerfüllten Liebe zu Laura, die Wellen des Petrarkismus auslösen (u.a. „Die Leiden des jungen Werther“), durch die Sonett-Form. 18. Juli bis 12. September 2004
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Petrarca in Deutschland Seine internationale Reputation als Schriftsteller verdankt Goethe den zuerst 1774 erschienenen „Leiden des jungen Werthers“. Der Briefroman steht in der Formtradition von Jean Jacques Rousseaus „Neuer Héloïse“, der Gefühlstradition von Richardson, und doch liegt der eigentliche Hintergrund für die sensationelle Wirkung, die in umgehender Übersetzung in alle großen Sprachen von St. Petersburg bis Madrid, von London bis Mailand greifbar ist, in einer viel weiter zurückreichenden Erfahrung: der Liebeskonzeption, die Francesco Petrarca, geboren am 20. Juli 1304 in Arezzo, entwickelt hat. Werthers Liebesleiden in Prosa entsprechen der lyrischen Tradition eines Petrarkismus, der noch selbstverständliches Bildungsgut in Europa ist. Die Ausstellung des Goethe-Museums stellt den deutschen Anteil dieses Ruhms in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg vor. Es knüpft damit an die Ausstellung „Torquato Tasso in Deutschland“ an, die 1995 internationale Resonanz erfahren hat. Welchem Reiz verdankt dieser spätmittelalterliche Schriftsteller seine Jahrhunderte währende, intensiv zur Identifikation einladende Wirkung? Johann Gottfried Herder macht die Provenzalin Laura, der die 366 volkssprachlichen, also nicht mehr lateinischen Gedichte des „Canzoniere“ gewidmet sind, zum „höchsten, ewigen Bilde aller sittlichen Weiberschönheit“, die eine „Läuterung (...) im Gemüt sowohl des Jünglings als des Mannes“ bewirke. Könnte diese madonnenhafte Ausstrahlung noch in ein mittelalterliches Konzept passen, so führt die Individualisierung der Geliebten in die neuzeitliche Welt. Es ist eine konkrete, sich in Handlungen, in der Kleidung, in Gesten und Mimik ausdrückende Frau, die Petrarca besingt, an die er nach ihrem Tod in die letzten einhundert Gedichte „In morte di Madonna Laura“ in höchster sprachlicher Form denkt. Lauras Tod als letzter Stufe des Entsagen-müssens, der eine wirkliche Erfahrung in Petrarcas Leben entspricht, wird zur allgemeinen, durch Übersetzungen verbreiteten Erfahrung des Liebesschmerzes, bereitliegend für jede neue Generation. Über dreihundert Gedichte sind in einer meisterlich gehandhabten Sonett-Form gefaßt, die also Kunst-Vorbilder, selbst Dichter in ganz Europa ansprechen. Noch auf einem zweiten Gebiet, dem der Naturerfahrung, wird Petrarca zu einer neuzeitlichen Gestalt. Am 26. April 1336 ersteigt der aus einer angesehenen Florentiner Familie stammende Petrarca den Mont Ventoux bei Avignon und bringt damit ein neues Verhältnis des Menschen zur Natur insgesamt, besonders zur Landschaft, zur Sprache. Über den Humanismus geht daraus der gestaltende Impuls des modernen Menschen hervor. Die Ausstellung, an der auch die Gesellschaft „Dante Alighieri“ mitwirkt, macht diese Entwicklungen in 120 Dokumenten anschaulich (mit Katalog). Volkmar Hansen |
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