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Goethes Tod vor 175 Jahren Zu den didaktisch-tröstenden Egalisierungen gehört die Vorstellung der Einebung der menschlichen und sozialen Unterschiede durch die Unentrinnbarkeit des Todes. Und doch wird man die Unterschiede des Todes nicht übersehen wollen - der leichte, der schwere Tod, der frühe, der späte Tod, der zufällige, der nach langer Krankheit gewährte Tod, der Freitod. Erst recht machen sich Unterschiede bei Trauerfeiern schon äußerlich nach Art und Zahl der Beteiligten bemerkbar, zeigen sich bei den unmittelbaren, an die Mitlebenden gebundenen Reaktionen, beim Nachruhm. Der leichte Tod des greisen, im 83. Lebensjahr stehenden Goethe am 22. März 1832 ist der Tod eines Großen, im ständischen und zugleich demokratischen Sinn des “Wertes einer von der Natur allein ausgestatteten Menschheit”, wie es in dem Roman “Wilhelm Meisters Lehrjahre” heißt. Er hatte wenig zu leiden. Hofrat Dr. Vogel wird am 16. März ins Haus am Frauenplan gerufen und diagnostiziert einen erkältungsähnlichen, “katarrhalisch-rheumatischen Zufall”, der sich bei leichtem Fieber und Bettlägrigkeit zu bessern scheint. Die Wende bringt die Nacht zum 20. März, als er eine ansteigende Kälte und folternde Brustschmerzen fühlt, bei eiskaltem, schweißgebadetem Körper zwischen Bett und Lehnstuhl hin- und hergetrieben wird. Wieder zu Kräften gekommen und sogar auf den Frühling hoffend, wachen der Arzt und die Schwiegertochter Ottilie bei ihm. Am Morgen des 22. März verlangt es ihn im abgedunkelten Zimmer nach “Licht”. Mit der Hand in die Luft schreibend, drückt er sich in den Lehnstuhl und stirbt um halb zwölf Uhr, wohl an Herzversagen. Ottilie drückt ihm die Augen zu. Der Leichnam wird zunächst im Arbeitszimmer aufgebahrt, nackt, in ein Bettuch gehüllt, umstellt von Eisstücken. Eckermann, seit langem Gespräche mitschreibend: “Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir”. Am 26. März wird der Leichnam angekleidet, und der Architekt Coudray, dessen Tochter Marie einen Lorbeerkranz gewunden hat, arrangiert das Paradebett im unteren Hausflur des Goethe-Hauses: “eine halb aufrechte Stellung”, wobei “den Armen und Händen eine solche Lage” gegeben wird, “wie der Lebende zu schreiben pflegte”. Friedrich Preller wird als Zeichner zu ihm gelassen und nach einer ganz groben Vorskizze entsteht das authentische Bild, bei dem die Profillinien erst im zweiten Arbeitsgang mit hartem Bleistift nachgezeichnet sind. Einige von Prellers später hergestellten, relativ exakten Kopien, von denen das Goethe-Museum ebenfalls eine verwahrt, haben lange Zeit für wissenschaftliche Verwirrung gesorgt. Eine achtköpfige, stündlich wechselnde Gruppe von Repräsentanten der Bürgerschaft und der Kultur wacht in der Zeit von 8 bis 12 Uhr morgens über den Toten; der Zudrang wird nur mühsam von Polizei und Militär geordnet. Dem großherzlichen Leichenwagen, auf den der Sarg gebettet wird, folgen neben Angehörigen, Freunden, Kollegen Hunderte von Deputationen, Gesandte und Honorationen. Aus dem ganzen Land sind 4 - 5000 Menschen herbeigeeilt, um den Weg zur Fürstengruft zu säumen. In der Kapelle wird die Trauerrede des Generalsuperintendenten Röhr von Musik umrahmt. Am Anfang steht Friedrich Zelters Vertonung von Goethes “Laßt fahren hin das allzu Flüchtige”, am Schluß Johann Nepomuk Hummels Komposition für den Großherzog Carl August, jetzt von Friedrich Wilhelm Riemer angepaßt: “Ruhe sanft in heil’gem Frieden / Freund und Fürsten treu gesellt! / Solchem Daseyn war’s beschieden / Fortzubilden Volk und Welt: / Ewig lebst Du uns hienieden, / Nam’ und Wirkung dauern fort. / Ruhe nun an stillem Ort, / Hier verehrt und seligt dort”. Volkmar Hansen |