VOLKMAR HANSEN

GOETHE IM SCHLOSS JÄGERHOF

Eine Nation im Morgenrot ihrer Bildung – das ist das Fazit der reformatorischen Bilanz deutscher Kultur, die Ende 1780 unter dem Titel "De la littérature allemande"/ "Über die deutsche Literatur" in Berlin erscheint. Ihr Verfasser, niemand anders als Friedrich II. von Preußen, begreift intuitiv die Rolle, die ihm bei dieser Epochenbildung zugekommen ist, und faßt sie in das Bild: Mir geht es wie Moses; ich sehe das gelobte Land von ferne, doch werde ich es nicht betreten. Entscheidende Jahrzehnte später, genauer: in Briefen vom Frühjahr 1823, können wir bei Heinrich Heine lesen, wie sehr ihn der Gedanke einer Übersiedlung nach Paris beschäftigt, weil jetzt Liebe für deutsche Literatur besonders für Göthe auftaucht, weil die deutsche Literatur [...] jetzt in Frankreich Wurzel faßt.

Mit den Händen läßt sich in diesen Zitaten der Wandel greifen, der sich nach innen wie nach außen in der Goethe-Zeit abgespielt hat: Von Lissabon bis St. Petersburg, von Stockholm bis Neapel registriert man mit Erstaunen, welche kulturellen Leistungen in der Mitte Europas zustandegekommen sind, so daß Jean Pauls Formel vom Volk der "Dichter und Denker" nicht als Selbstüberschätzung begriffen werden muß. Eben noch, in dem Essay des Preußenkönigs, mit dem "Götz von Berlichingen" als Beispiel einer verfehlten Shakespeareomanie angegriffen, adaptiert Goethe dessen Sichtweise, nur die Metaphern wechselnd. 1802, im Bericht "Weimarer Hoftheater", spricht er das Geheimnis seiner Zeit aus: Unsere Litteratur hatte, Gott sei Dank, noch kein goldenes Zeitalter, und wie das Übrige so ist unser Theater noch erst im Werden.

Ein historischer Abgrund trennt die Goethe-Zeit von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine geschlagene, eine für ungeheuerliche Verbrechen verantwortliche Nation versucht, sich der Brüche und Kontinuitäten bewußt zu werden, um einen Weg zur Rückkehr in die Völkergemeinschaft zu finden. Zwei Ereignisse gehören dabei eng zusammen - im Herbst 1947 das Erscheinen des Romans "Doktor Faustus" von Thomas Mann und im Sommer 1949 die Vergegenwärtigung des Tags von Goethes Geburt im Jahr 1749. Beide Ereignisse, alle Besatzungszonen umgreifend und ins Ausland ausstrahlend, laden zu Überlegungen ein, wie nationale Identität unter menschheitlicher Perspektive möglich sei. Ein lange verborgenes Potential in Goethes "Faust"-Versen, die von Goethe eingewobene Kritik aus ethischer Perspektive, die am leichtesten im Bild vom blinden Fortschreiten Fausts am Schluß des zweiten Teils zu fassen ist, wird durch die geschichtliche Stunde bloßgelegt, in Thomas Manns Adaption des Faust-Stoffs zur Sprache gebracht und in den leidenschaftlich geführten Kontroversen ein Parameter für die Standortfindung. Es sind diese Kontroversen der Selbstbefragung, die ein neues allgemeines Bewußtsein von Verantwortlichkeit haben entstehen lassen. Auch das größte und vielfältigste Sprachwerk deutscher Zunge - so Thomas Mann 1938 in einer Vorlesung "Über Goethe's ,Faust'" vor amerikanischen Studenten - hatte man, mit zunehmenden Schwierigkeiten, versucht in den Dienst der nationalistischen Herrschaft zu stellen, es durch manipulative Veränderungen brauchbar zu machen. Der radikale Legitimierungszwang, der durch den Mißbrauch hervorgerufen wurde, wird durch die Koppelung an die Neuinterpretation durch den "Doktor Faustus"-Roman zur Chance, den Rang als National- und Weltgedicht, das den vielfältigen Gehalt eines langen, gesegneten und hochbemühten Lebens in sich aufgenommen hat, zu erneuern. Die "Faust"-Tragödie besteht, gerade mit Hilfe des Mannes, der so in Amerika für Goethes umfassendes Lebenswerk geworben hatte, die Feuerprobe der Neugründung in einer veränderten Welt, die Werte des aufklärerischen 18. Jahrhunderts wieder stärker zur Geltung bringt.

Goethes am vernünftigen Menschen orientierte, Entsagung als seelische Leistung darstellende Kunst weist den heilenden Kräften den Weg zur kosmopolitischen Idee der Menschheit. Seine pessimistischere Auffassung des Laufs der Welt, den er mit Denn so ist es beschaffen, so wird es bleiben im "Reineke Fuchs" zusammenfaßt, ist Teil der Selbstaufklärung der Aufklärung. Seine Interpretation des Schicksals des Dr. Heinrich, sonst Johann Faust (ca. 1480-1540) ist Teil eines neuzeitlichen Klärungsprozesses.

Der "Doktor Faustus" Thomas Manns, der ebenfalls bewußt auf die Volksbücher des 16. Jahrhunderts zurückgreift, schildert die Biographie des fiktiven, mit einem sprechenden Namen versehenen Musikers Adrian Leverkühn als nationalen Sündenfall. Der ebenfalls fingierte Biograph Serenus Zeitblom kommentiert als innerer Emigrant die Zeitgeschichte des Jahrzehnts bis 1943 mit scharfsichtiger Bitterkeit. Beide Gestalten, die des humanistischen Biographen und des in eisige Dimensionen vordringenden Komponisten, nehmen deutsche Traditionselemente seit der Lutherzeit in sich auf. Der Drei-Zeilen-Plan des Doktor Faust gehört schon zu den Notizen Thomas Manns am Anfang des Jahrhunderts, und seine zunehmende Identifikation mit der Gestalt Goethes hat ihn spätestens seit Beginn der dreißiger Jahre an eine konkrete produktive Umsetzung denken lassen. So düster der Roman das Schuldigsein als Bewußtsein nationaler Verantwortlichkeit werden läßt, so beiläufig wird das Gnaden-Motiv angedeutet, als Leverkühn einer "Faustus"-Kantate der unendlichen Klage einen letzten Ton verhaltener, zurückgehaltener Hoffnung mitgibt, der nicht der Befreiungsjubel von Beethovens "Fidelio" sein kann, aber schon der Gnade verarbeitet, die der gute Sünder Gregorius in Manns nächstem Roman, "Der Erwählte", erfährt: Nein, dies dunkle Tongedicht läßt bis zuletzt keine Vertröstung, Versöhnung, Verklärung zu. Aber wie, wenn der künstlerischen Paradoxie, daß aus der totalen Konstruktion sich der Ausdruck - der Ausdruck als Klage - gebiert, das religiöse Paradoxon entspräche, daß aus tiefster Heillosigkeit, wenn auch als leiseste Frage nur, die Hoffnung keimt? Es wäre die Hoffnung jenseits der Hoffnungslosigkeit, die Transzendenz der Verzweiflung, - nicht der Verrat an ihr, sondern das Wunder, das über den Glauben geht. Hört nur den Schluß, hört ihn mit mir: Eine Instrumentengruppe nach der anderen tritt zurück, und was übrig bleibt, womit das Werk verklingt, ist das hohe g eines Cello, das letzte Wort, der letzte vorschwebende Laut, in pianissimo-Fermate langsam vergehend. Dann ist nichts mehr, - Schweigen und Nacht. Aber der nachschwingend im Schweigen hängende Ton, der nicht mehr ist, dem nur die Seele noch nachlauscht, und der Ausklang der Trauer war, ist es nicht mehr, wandelt den Sinn, steht als ein Licht in der Nacht.

Ein Phönix aus der Asche - oder, mit goethescher Symbolik für Unsterblichkeit - ein Schmetterling erneuert sich, und die Geschichte des Goethe-Museums ist eng mit dieser Erneuerung verbunden. Düsseldorf, die Landeshauptstadt des neugegründeten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, bietet sich 1953 als Stiftungsort an, weil Goethe selbst das damals noch vor den Toren der Stadt befindliche, heute nahe am Zentrum liegende Landgut Pempelfort von Friedrich Heinrich Jacobi 1774 für einige Tage im Juli, 1792 für einige Wochen im November/Dezember besucht hat. Schloß Jägerhof selbst, das heute die Sammlung beherbergt, wurde im Jahr von Goethes Geburt begonnen; in Steinwurfweite von dem Landgut Pempelfort entfernt, muß Goethe das gerade fertiggestellte Rokoko-Gebäude zumindest vor Augen gehabt haben. Napoleon hat dort 1811 einige Tage gelebt, und unter dem katholischen Zweig der Hohenzollern wurde das Schloß im 19. Jahrhundert zum Ausgangspunkt einer erfolgreichen Heiratspolitik. Als städtisches Repräsentationsgebäude, Sitz der französischen Besatzungmacht, Organisationszentrum der Evangelischen Kirche des Rheinlands, schließlich als Sitz der Gauleitung hat es im 20. Jahrhundert gedient, bis eine Bombennacht des Jahres 1943 große Teile des Innern zerstört. Wiederaufbau mußte, wollte man diesen Hintergrund nicht ignorieren, auch Prüfung sein, eine Prüfung, wie sie in Fontanes "Stechlin" angesprochen wird: Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.


© Goethe-Museum Düsseldorf
Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung
Schloss Jägerhof, Jacobistraße 2, 40211 Düsseldorf, Tel 0211/899 62 62