#Glanzpunkt 4: Ein Aquarell von Goethe: „Landschaft mit dem Freiheitsbaum“

Johann Wolfgang von Goethe „Landschaft mit dem Freiheitsbaum“,
Aquarell über Feder- und Bleistiftzeichnung, 1792.

Das Aquarell stammt aus dem Besitz Friedrich Heinrich Jacobis. Es wurde ihm von Goethe persönlich geschenkt. Denn Goethe besuchte hier in Düsseldorf-Pempelfort seinen Freund Jacobi im Winter 1792 für etwa einen Monat. Die „Landschaft mit Freiheitsbaum“ ist entweder hier in Pempelfort oder vorher während des Frankreichfeldzugs entstanden.

Goethe begleitet die Truppen des Herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach als Teil der österreichisch-preußischen Koalition auf ihrem Feldzug gegen das revolutionäre Frankreich. Nach der verlorengegangenen „Kanonade von Valmy“ in der Nähe von Verdun müssen sich die Koalitionstruppen der napoleonischen Revolutionsarmee geschlagen geben. Während des Rückzugs aus Frankreich schreibt Goethe an Johann Gottfried Herder und dessen Frau, die mit der Französischen Revolution sympathisieren: Er fühle sich, als ob er aus einem „bösen Traum“ erwache: „Ich eile nach meinen mütterlichen Fleischtöpfen, um dort wie von einem bösen Traum zu erwachen, der mich zwischen Noth, Mangel und Sorge, Gefahr und Qual, zwischen Trümmern, Leichen, Äsern und Scheishaufen gefangen hielt.“ (Goethe an Herder, Luxemburg, den 16. Oktober 1792, FA II, 3, S. 647).

In Pempelfort angekommen, ist Goethe erleichtert, dass er „aus dem wilden Kriegswesen […] in die ruhigen Wohnungen der Freundschaft gelangt“ sei. (Brief an Johann Heinrich Meyer, Düsseldorf, den 14.11.1792. FA II, 3, S. 651.)

Nach neuesten Erkenntnissen zeigt das Aquarell einen Freiheitsbaum in der Mosellandschaft mit Blick auf den Ort Schengen. Die Aufschrift auf dem Schild lautet: „Passans, cette terre est libre.“ (Vorbeigehende, dieses Land ist frei). Goethes Zeichnung hat durch die Zeitgeschichte ungeahnte Aktualität bekommen. Am 14. Juni 1985 wurde nämlich für die EU das sogenannte „Schengener Abkommen“ geschlossen. Wie es Goethe auf dem Schild bezeichnet, gilt „Schengen“ heute als Synonym für einen Raum ohne Grenzkontrollen, für freien Personen- und Warenverkehr.