#Glanzpunkt 1: Johann Wolfgang von Goethes Hymne „Das Göttliche“

Eigenhändige Reinschrift seiner Hymne „Das Göttliche“, mit ebenfalls eigenhändiger Zueignung Fräulein von Jöchhausen [Luise von Göchhausen, Hofdame der Herzogin Anna Amalia], Weimar 1783.

Edel sey der Mensch
Hülfreich und gut
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen
Die wir kennen.

Heil den Unbekannten
Höheren Wesen
Die wir ahnden
Ihnen gleiche der Mensch
Sein Beyspiel lehr uns
Jene glauben.

Denn unfühlbar
Ist die Natur
Es leuchtet die Sonne
Über Böse und Gute
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme
Donner und Hagel
Eilen ihren Weeg
Und ergreifen
Vorübereilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge
Wählt bald des Knaben
Lockige Unschuld
Und bald den kahlen
Schuldigen Scheitel

Nach ewigen ehrnen
Grosen Gesetzen
Müssen wir alle
Unsres Daseyns
Reise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das unmögliche
Er unterscheidet
Wählet und richtet
Er kann dem Augenblick Dauer verleihen.

Er allein darf
Dem Guten lohnen
Den Bösen strafen
Heilen und retten
Alles irrende schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen
Als wären sie Menschen
Thäten im grosen
Was der Beste im kleinen
Thut oder möchte.

Der edle Mensch
Sey hülfreich und gut
Unermüdet schaff er
Das nützliche, rechte
Sey uns ein Vorbild
Jener geahndetenWesen.

Die große Hymne „Das Göttliche“ gehört zusammen mit der „Gingko-biloba“-Reinschrift (siehe #Glanzpunkt 2) zu den bedeutendsten Handschriften der Kippenberg-Sammlung.

Eine „Hymne“ ist ein Lobgesang. Die ersten beiden Verse „Edel sey der Mensch, hilfreich und gut“ sind zum Leitsatz der Weimarer Klassik geworden. Sie appellieren an das Gute im Menschen, an die Ideale der Humanität, die immer dann zur Geltung kommen sollen, wenn der Mensch entscheidet, ob er „den Guten lohnen“ oder „den Bösen strafen“ soll.  Der Mensch kann wählen, richten und unterscheiden. Die Natur dagegen kann diese Unterscheidung zwischen Gut und Böse nicht treffen: Sonne, Mond und Sterne leuchten und glänzen „dem Verbrecher […] wie dem Besten.“

Im Entstehungsjahr der Hymne 1783 ist Goethe seit gut acht Jahren in Diensten des Herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach. Die Regierungsgeschäfte nehmen ihn stark  in Anspruch. Seine Dichtungen bleiben unvollendet, die Tagebucheintragungen versiegen. Seit etwa einem Jahr wohnt Goethe nicht mehr mitten im Grünen an der Ilm, sondern in der Stadt am Frauenplan. Erst in drei Jahren, 1786, wird Goethe die Amtsgeschäfte hinter sich lassen und in Italien seine Wiedergeburt als Künstler feiern.

Goethes Leben kann als Beispiel einer „Lebenskunst“ verstanden werden, die praktische Tätigkeit und poetisches, künstlerisches Dasein miteinander zu verbinden sucht. Auf der einen Seiter also Goethe, der Politiker, mit seinen amtlichen Pflichten (siehe #Glanzpunkt 5 „Reisekostenabrechnung“), auf der anderen das Dichtergenie mit dem Bestreben, seine individuelle Lebensaufgabe zu finden. Auf der einen Seite der Mensch, der „unermüdet“ das Nützliche schafft, auf der anderen Seite derjenige, der dem göttlichen Ideal nachstrebt, edel, hilfreich und gut zu sein.