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Höhepunkt und Finale von Goethes weltweisheitlichem Prosawerk „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ ist der lebensrettende ärztliche Eingriff, nachdem Felix vom „schroffsten Rande“ in den Fluss gestürzt ist und leblos im Wasser liegt. „Hier war nicht Zeit zu denken, wie und warum, die Schiffer fuhren pfeilschnell dem Strudel zu und hatten im Augenblick die schöne Beute gefasst. Entseelt scheinend lag der holde Jüngling im Schiffe, und nach kurzer Überlegung fuhren die gewandten Männer einem Kiesweidicht zu, das sich mitten im Fluss gebildet hatte. Landen, den Körper ans Ufer heben, ausziehen und abtrocknen war Eins. Noch aber kein Zeichen des Lebens zu bemerken, die holde Blume hingesenkt in ihren Armen! Wilhelm griff sogleich nach der Lanzette, die Ader des Arms zu öffnen; das Blut sprang reichlich hervor, und mit der schlängelnd anspielenden Welle vermischt, folgte es gekreiseltem Strome nach. Das Leben kehrte wieder; kaum hatte der liebevolle Wundarzt nur Zeit, die Binde zu befestigen, als der Jüngling sich schon mutvoll auf seine Füße stellte“ (III, 18). Es ist die ebenso schlichte wie komplex dargestellte Geschichte einer Rettung menschlichen Lebens durch umsichtiges Handeln und ärztliches Können. Die Hilfeleistung zur rechten Zeit bewirkt die erhoffte Wiederbelebung des jungen Mannes, die rasche Rückführung des Körpers in das lebendige Bewusstsein. Besonnen werden sichere Handgriffe an dem zunächst namenlosen Körper vorgenommen, der zuletzt dem Arzt am Ufer liegend überlassen wird. Der Wundarzt Wilhelm, auf Umwegen zu seiner Berufung gelangt, unvorbereitet mit der eingetretenen Notsituation konfrontiert, beherrscht die Kunst des Aderlasses, wobei das bewegt hervortretende Blut zum sicheren Vorzeichen der glückenden Bergung wird. Bemerkenswert ist die Erweckung des ästhetischen Empfindens für den gesamten Vorgang an einer schönen Gestalt, deren pulsierendes Blut sich mit Wasser formvollendet verbindet.
Die Tätigkeit des Wundarztes, eines „Chirurgus“, ist mit dieser Bezeichnung seit dem 14. Jhd. nachweisbar und bedurfte keiner universitären Ausbildung; äußere Krankheiten wie operative Eingriffe wurden von ihm ausgeführt. Goethe war der Auffassung, dass der „Leibarzt nur selten, der Wundarzt hingegen jeden Augenblick gebraucht“ würde. Das ethische Grundprinzip des Arztes den Mitmenschen gegenüber ist sein auf wissenschaftlicher Kenntnis beruhendes helfendes und heilendes Tun zu jeder Zeit und an jedem Ort. Mit dieser Profession des Arztes verbindet sich die Befähigung zur Wiederherstellung von Gesundheit, dem körperlichen und seelischen Gleichgewicht. Der Arzt lindert Schmerzen, beschleunigt Heilungsprozesse von Wunden und sonstigen Krankheiten, wird zum Begleiter während Zeiten der Verunsicherung und des Leidens. In der erzählten Begebenheit wird so ein Mensch aus dem Zustand der Betäubung in das Leben zurückgeholt. Der Arzt der Goethezeit war ein akademisch ausgebildeter Heilkundiger (Leibarzt, Medicus), der überwiegend innere Krankheiten diagnostizierte und mit dem Ziel eines Heilungserfolgs behandelte. |
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