Goethe und die Bibel
Im Sommer 1831, als Goethe der Abschluß des letzten, zweiten Faust-Teils gelungen ist, berichtet er dem befreundeten Kunsthistoriker Heinrich Meyer von diesem inneren Gipfelfest, dabei an den Mythos des Sisyphus anknüpfend und diesen variierend: „Und so ist nun ein schwerer Stein über den Berggipfel auf die andere Seite hinabgewälzt. Gleich hegen aber wieder andere hinter mir, die auch wieder gefördert seyn wollen, damit erfüllt werde, was geschrieben steht: „Solche Mühe hat Gott dem Menschen gegeben“. Er faßt damit seine ganze Existenz in einem Bibelwort zusammen: „Ich, der Prediger, war König über Israel zu Jerusalem, und richtete mein Herz, zu suchen und zu forschen weislich alles, was man unter dem Himmel tut. Solche unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, daß sie sich drinnen müssen quälen“ (Prediger Salomo l, 12f.). Goethes kleine Verschiebung des Zitats, von dem Plural zu dem ihn selbst monumentaler einschließenden Kollektivsingular „der Mensch“, noch dazu verbunden mit dem Gebrauch von Erfüllung, einem Wort, dem wir im Evangelium des Matthäus wiederholt sakral begegnen, macht deutlich, wie sehr er seine eigene Weltfrömmigkeit im Horizont eines umfassenden Schöpfungsverständnisses sieht, aufgehoben in einer Gotteserfülltheit, für die er in dem Schluß des Faust ein Äquivalent gefunden hat:

„Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichniß,
Das Unzulängliche
Hier wird‘s Ereigniß
Das Unbeschreibliche
Hier ist es gethan.
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.“

Und doch, wollte man aufgrund der Breite und Tiefe der Bibelkenntnis Goethes, die durch Hunderte von Zitaten und Anspielungen aus dem Alten und dann Neuen Testament von der Kindheit bis ins höchste Alter nachzuweisen ist, zum einzigen Maßstab machen, so verfehlte man die sinngebende Wahrheitssuche Goethes und den aufklärerischen Horizont, in dem die Begegnung mit der Bibel im 18. Jahrhundert steht. Die Autobiographie Dichtung und Wahrheit, der wir für viele Einblicke in die religiöse Sozialisation und das christlich geprägte Umfeld zu danken haben, hält die Konstellation fest: „Man hatte nämlich bisher auf Treu und Glauben angenommen, daß dieses Buch der Bücher in Einem Geiste verfaßt, ja daß es von dem göttlichen Geiste eingehaucht und gleichsam diktiert sei. Doch waren schon längst von Gläubigen und Ungläubigen die Ungleichheiten der verschiedenen Teile desselben bald gerügt, bald verteidigt worden. Engländer, Franzosen, Deutsche hatten die Bibel mit mehr oder weniger Heftigkeit, Scharfsinn, Frechheit, Mutwillen angegriffen, und eben so war sie wieder von ernsthaften, wohldenkenden Menschen einer jeden Nation in Schutz genommen worden.


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